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07. Juli 2015   Auf´m Platz

Sexismus gegen Rechts ist auch keine Lösung

fußballGegenNazis

Immer mehr Vereine und Ultragruppen in Deutschland positionieren sich klar gegen Neonazis, Rassismus und andere Formen der Diskriminierung. Das Ausleben der Ultrakultur findet aber weiterhin häufig auf sexistische und gewaltaffine Art und Weise statt. Auch als „links“ geltende Vereine sind davon nicht ausgenommen.

Die Ultrakultur ist in der Bundesrepublik weiter auf dem Vormarsch. Tausende Jugendliche und junge Erwachsene im ganzen Land widmen jede freie Minute ihrer kostbaren Zeit dem heißgeliebten Fußballverein. „Ultra“ sein ist zu einer der größten Subkultur Deutschlands geworden. Trotz andauernden Konflikten über das Thema Politik im Stadion, äußern sich immer mehr Ultragruppen inzwischen auch in- und außerhalb des Stadions politisch. Besonders die Themengebiete Antirassismus und auch der aktive Kampf gegen Nazis, werden von vielen aktiven Fanszenen in Deutschland unterstützt. Bei anderen Formen der Diskriminierung wie Sexismus und Homophobie oder auch dem Hinterfragen der eigenen Männlichkeit sind die zumeist männlich dominierten Ultragruppen allerdings noch weit hinterher. Während sich Gruppen, wie beispielsweise die Ultras Leverkusen, ganz offen homophob und sexistisch zeigen, gibt es Fanszenen und Vereine, die sich klar gegen jegliche Form von Diskriminierung positionieren. Jedoch sind auch diese Vereine nicht vor stumpfem Machoverhalten, sexistischen und homophoben Fansgefeit.

Wir sind doch aber gegen Nazis?

Die Facebook Seite "FC St. Pauli Fans gegen Rechts" gefällt über 6000 Menschen. Die Betreiber positionieren sich regelmäßig und deutlich gegen Nazis, Rassismus und auch andere Formen der Diskriminierung. Ein Gespür für Sexismus und Heteronormativität, also Heterosexualität als soziale Norm zu setzen, scheinen sie allerdings nicht zu haben. Anfang letzter Woche veröffentlichte die Seite eine Grafik mit der mehr als plumpen Aussage: "Nazis haben kleine Pimmel". Auf die Kritik verschiedener User reagierten die "St. Pauli Fans gegen Rechts" nicht. So kommentierte ein User auf Facebook: " Sexismus gegen rechts? ^^ was soll der Scheiß? Die Größe des Geschlechtsteils darf kein Grund zur Diskriminierung sein!". Stattdessen wurde den kritischen Kommentator*innen von anderen Anhänger*innen der Seite fehlender Humor und "Gutmenschentum" vorgeworfen. Gegen Nazis scheint jedes Mittel recht zu sein, also auch stumpfer Sexismus.

Im Alfred-Kunze-Sportpark, der Heimstätte der BSG Chemie Leipzig, haben Nazis und Rassist*innen erfreulicherweise nichts zu suchen. Die Fanszene von Chemie engagiert sich seit Jahren für Flüchtlinge und gegen Rassismus. Übertriebenes Männlichkeitsgehabe und sexistisches Verhalten finden sich aber auch in der Kurve der sogenannten „Chemiker“ (sic!) wieder. So wird bei gutem Wetter mit nacktem Oberkörper auf dem Zaun herumgebrüllt und auf der Rückseite einer Chorographie kann auch mal ein aufgemalter ejakulierender Penis zu sehen sein. Anfang 2015 interviewte Frederik Schindler Lotte von der Ultragruppe "Frauen*Mädchen*Trans* Babelsberg". Trotz einer positiven Sicht auf die Nordkurve Babelsberg merkte sie an: „Auch unsere Kurve ist nicht frei von Sexismus und Rassismus, auch hier gibt es sexistische Beleidigungen. Und das Verhalten einiger Fans auf Auswärtsfahrten ist problematisch, da werden Frauen* oftmals nicht richtig ernstgenommen.“

Neue Kids bei St. Pauli

Seit nunmehr fünf Jahren gibt es die Gruppe „New Kids St. Pauli“, eine Ultragruppe des FC St. Pauli. Als fester Bestandteil der aktiven Fanszene am Millerntor fahren sie zu Heim- und Auswärtsspielen, supporten die Mannschaft, organisieren Pyroshows und machen ihren Namen mittels Streetart in der ganzen Stadt bekannt. Genau wie so ziemlich jede andere Ultragruppe in Deutschland. Dabei orientieren sich die New Kids auch noch an anderen gängigen Riten und Verhaltensarten vieler Ultras. Im erst kürzlich erschienenen Jubiläumsvideo, welches mit Tags wie „asozial“ und „Hooligans“ versehen wurde, präsentieren sich die New Kids als schlagfertige Truppe. Unterlegt mit Hardstyle Musik zeigt das Video die New Kids bei körperlichen Auseinandersetzungen mit Karlsruher Fans. In der Präsentation der letzten fünf Jahre scheinen auch nackte Hintern an Autoscheiben und gefüllte Sangria-Eimer nicht fehlen zu dürfen. Die Beleidigungen „Hipster, Zecken und Schwachmachten“ von Fans aus Karlsruhe, kontern die New Kids mit der stupiden Drohung, die Karlsruher „Durch Hamburgs Straßen zu boxen“. Auch den RB Leipzig Fans sollen laut Spruchband „Beine gemacht werden“. Abgerundet von einer Unmenge an Gruppenfotos und verschiedenen Männern die aggressiv in die Kamera schreien, präsentieren sich die New Kids ähnlich wie ihre Namensgeber. Trotz der klaren Positionierung gegen Sexismus durch den Verein und andere Fangruppen, scheinen die Kids auf St. Pauli trotz der eindeutig zur Schau getragenen Fehlgriffe keine Konsequenz zu fürchten.

Jubiläumsvideo der "New Kids St. Pauli" (Quelle: Vimeo.com)

Ultras und Männlichkeitskult

Disproportional zum höheren Zuschauerinnen-Aufkommen in den Fußballstadien, sind in der aktiven Fanszene weiter nur sehr wenige Frauen vertreten. Und auch diese sehen sich immer wieder sexistischen Anfeindungen ausgesetzt. „Gerade, wenn man dann noch Sexismus anprangert, wird man oft belächelt oder stumm gemacht. Was es zudem gibt, ist eine Konkurrenzsituation zwischen aktiven Frauen, was ein solidarisches Miteinander erschwert. Das ist schade, denn wir profitieren vom Frauenschutzraum, in dem der auf Frauen ausgeübte Druck abgebaut werden kann“, erklärte Lotte aus Babelsberg weiter. Sie ist in der einzigen eigenständigen Frauen-Ultra-Gruppe Deutschlands organisiert.

Nicht erst durch Aktionen wie den Blog Ultrapeinlich, der diskriminierende Fanäußerungen dokumentiert, sollte allen, die sich regelmäßig mit Fußball und Fankultur beschäftigen, klar sein, dass die Ultrabewegung ein krasses Problem mit Sexismus hat. Können sich Ultras von Vereinen wie St. Pauli oder dem Babelsberg 03, die sich klar gegen jegliche Form der Diskriminierung positionieren, davon ausnehmen? Ist die Ultrabewegung in ihrer jetzigen Form ohne Machotum überhaupt möglich? "Beim Fußball geht es permanent um überholte Männlichkeitsrituale, um aggressive und sexistische Abgrenzungen gegenüber dem, was als weich und anders - also weiblich - gilt", schreibt Nicole Selmer in einem Artikel für Spiegel Online. Und auch zur vergangenen FIFA Weltmeisterschaft der Frauen wurden die Kommentatoren nicht müde, entweder die mangelnde Weiblichkeit der Spielerinnen oder die notwendig maskuline Spielart des Ballsports zu betonen.

Was auf den Fußball zutrifft, ist natürlich auch bei fast allen Ultragruppen in Deutschland an der Tagesordnung. Teil der Ultrakultur ist auch die Konzentration auf die gegnerische Fanszene, das inne liegende Freund-Feind-Schema der konkurrenzbetonten Fußballfankultur. Anstatt die Spieler auf dem Platz zu motivieren, antworten Choreografien und Spruchbänder häufig auf eine Aussage der gegnerischen Fanszene oder kritisieren eine Eigenart eben dieser. Neben der Aufgabe des besten und kreativsten Supports, sehen die meisten Ultras das eigene Stadion und die eigene Fankurve als Kampfzone, die gegen äußerliche Angriffe standhaft bleiben müsse. "Frauen seien zu wenig wehrhaft und würden im Falle eines Angriffes einer feindlichen Ultragruppe die eigene Gruppe doppelt in Gefahr bringen", beschreibt Heidi Thaler im Buch "Zurück am Tatort Stadion" die häufigste Antwort männlicher Ultras auf die Frage, warum Frauen die volle Teilhabe in Ultragruppen häufig verwehrt wird. So lange sich linke und antidiskriminierende Ultras in Konkurrenz zu sexistischen und gewaltaffinen Gruppen sehen, werden sie es schwer haben sexistische Verhaltensweisen und Denkmuster komplett abzulegen. Es sollte am wichtigsten sein, für die eigenen Überzeugungen ein- anstatt "seinen Mann" zu stehen.

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