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17. September 2015   Auf´m Platz

"Refugees not welcome" beim FC St. Pauli?

fußballGegenNazisBILD Chef Kai Diekmann äußerte sich tief beleidigt auf Twitter, dass beim FC St. Pauli Flüchtlinge wohl nicht willkommen seien – da der Verein eine Teilnahme an der neuen Flüchtlingshilfekampagne der bekanntesten deutschen Boulevardzeitung versagte. Diekmann unterstellt St. Pauli damit eine Ideologie, die einige osteuropäische Fußballfanszenen ernsthaft verinnerlicht haben, diese starteten nun eine #refugeesnotwelcome Kampagne.

Nichts bestimmt die Nachrichten und das Engagement Tausender derzeit stärker, als die aktuelle Flüchtlingslage und die Notwendigkeit, Hunderttausende Geflüchtete aufzunehmen. Seit Jahren sind Fußballfans und inzwischen auch Vereine sowie Verbände aktiv für Flüchtlinge. Angela Merkel erklärte, wenn man sich dafür entschuldigen müsse, Menschen in Notsituationen aufzunehmen, sei Deutschland nicht mehr "ihr Land". Sogar die BILD-Zeitung legte nun die Kampagne "Wir helfen - #refugeeswelcome" auf. Nachdem das Boulevardblatt in den vergangenen Jahren immer wieder mit rassistischen Schlagzeilen eine Stimmung der ganz anderen Art schürte. Am Wochenende sollen die 36 Bundesliga-Mannschaften an den Trikotärmeln Badges der "Wir helfen" Kampagne tragen. Alle wollen teilnehmen, nur der FC St. Pauli sagte seine Teilnahme mit diplomatischen Worten ab.

Kai Diekmann ist sauer auf den FCSP, dass dieser seit Jahren Solidarität mit Flüchtlingen zeigt, die über "Wir helfen" hinaus reicht, sieht er wohl nicht. (Quelle: Screenshot Twitter)

"Der FC St. Pauli steht für Willkommenskultur"

"Der FC St. Pauli ist seit vielen Wochen auf verschiedenen Ebenen zu einem Thema, das seit Monaten alle emotional bewegt, aktiv, um den Menschen, die nach Deutschland geflohen sind, zu helfen. Daher sehen wir für uns nicht die Notwendigkeit, an der geplanten, für alle Clubs freiwilligen Aktion der DFL teilzunehmen", erklärte der Geschäftsführer Andreas Rettig die Absage des FC St. Pauli. "Der FC St. Pauli steht für eine Willkommenskultur und wir handeln damit auf eine Art und Weise, die unseren Club schon seit Jahrzehnten ausmacht. Wir leisten ganz praktische und direkte Hilfe dort, wo sie gebraucht wird." Und tatsächlich ist der FCSP der erste Verein, den man mit antirassistischem Engagement und Flüchtlingshilfe in Verbindung bringt, vor kurzem berichtete sogar die New York Times darüber.

Paul Wrusch kommentierte das Statement in der taz: "Gut gekontert. Er hätte natürlich auch sagen können: ´Mit diesem Drecksblatt wollen wir keine gemeinsame Sache machen´ - drückt sich aber lieber charmanter aus." BILD-Chefredakteur Kai Diekmann twitterte jedenfalls erbost, beim FC St. Pauli seien wohl #refugeesnotwelcome – und machte sich damit zum Gespött der Netzgemeinde. Inzwischen fordern auch zahlreiche Fans anderer Bundesligavereine, sich nicht vor den Karren des Boulevardblattes spannen zu lassen.

UPDATE (18.09.2015): Inzwischen stiegen weitere Vereine aus der Aktion aus und zahlreiche Fanszenen fordern ihre Vereine auf, nicht mit der BILD zu kooperieren. Ausgestiegen sind: FC Union Berlin, SC Freiburg, 1. FC Nürnberg, MSV Duisburg und VfL Bochum. Faszination-fankurve.de dokumentiert und aktualisiert Informationen zu #BILDnotwelcome.

In Polen, Tschechien und Ungarn sind #refugeesnotwelcome

Tatsächlich schiebt Kai Diekmann den FCSP damit völlig zu Unrecht in eine Ecke mit Vereinen wie Lech Poznán (Polen) oder Nyíregyháza (Ungarn), die derzeit ernst gemeinte Kampagnen gegen Flüchtlinge tragen. Auf Ultras-tifo.de sind zahlreiche Banner dokumentiert, mit denen Fußballfans aus mehreren europäischen Ländern derzeit ihre Meinung zum Thema äußern. Auffallend ist, dass sich besonders Fanszenen aus Polen, Tschechien und Ungarn in rassistischer Manier gegen Flüchtlinge aussprechen. Besonders tschechische und polnische Fanszenen betonen die angeblich "drohende Islamisierung" Europas, die in Gestalt der Flüchtlinge einreisen wöllte und die es zu bekämpfen gelte.

Die polnischen und die ungarischen Fanszenen sind für ihre rechtsradikalen Strukturen bekannt. Vor kurzem war der Fussball-gegen-nazis.de Autor Rainer Fox bei einem Spiel von Lech Poznán gegen den FK Sarajevo. "Die rechte Gesinnung ist in den polnischen Fankurven unverhohlen", schreibt er. Dazu kommen der in der Gesellschaft stark verbreitete Nationalismus und Antisemitismus. Die Fanszenen Lech Poznan und Legia Warszawa sind für ihre rechten Fans bekannt. Aktuell rufen sie zum Boykott der Champions League Spiele ihrer Vereine auf, weil diese sich selbst verpflichtet haben, einen Euro pro verkauftem Ticket an die Flüchtlingshilfe zu spenden. Die größte Ultragruppierungen aus Poznán, der "Kibolski Klub Dyskusyjny", erklärte man wolle durch den Ticketkauf nicht "die Flut muslimisch stämmiger Immigranten nach Europa unterstützen". Die Gruppe fordert, stattdessen mehr Geld für hilfsbedürftige polnische StaatsbürgerInnen aufzubringen. Auf Facebook nehmen schon 6.600 Menschen am Event "Ich werde nicht zum Spiel gegen Lech gegen Belenenses gehen – Stoppt die Islamisierung Europas" teil.

Polnische Hooligans sind für Nationalismus und Gewaltbereitschaft bekannt - diese Drohung gegen Geflüchtete ist mehr als eindeutig. (Quelle: Screenshot Ultras-tifo.de)

Angeblich drohende Islamisierung Polens soll bekämpft werden

Auch die Fanszene von Legia Warszawa, dem zweiten Europaleague Teilnehmer aus Polen, macht derzeit mit flüchtlingsfeindlichen und rassistischen Bannern auf sich aufmerksam. Man wolle "Heimkehrer, keine illegalen Einwanderer" oder sagt "Willkommen in der Hölle, ihr herumirrenden Schafe". Gleichzeitig riefen die Fans dazu auf, am Folgetag an einer rassistischen Demonstration teilzunehmen. Diese brachte am vergangenen Samstag (12.09.) in Warschau 5.000 Menschen auf die Straße, unter ihnen zahlreiche Fußballfans. Von Böllern und Leuchtspuren begleitet demonstrierten sie gegen Flüchtlinge und eine angeblich drohende Islamisierung. Die Stadtverwaltung hatte zuvor vergeblich versucht, die Demonstration verbieten zu lassen. An einer Gegendemonstration nahmen 1.000 Menschen teil.

Legia Warszawa ruderte inzwischen zurück und kündigte an, den Spenden-Euro pro verkaufter Karte an polnischstämmige Flüchtlinge zu vergeben, die vor dem Krieg in der Ostukraine fliehen. Dieses Vorgehen stieß bei den anderen Vereinen und Fanlagern auf breite Zustimmung.

Frei nach Angela Merkel bleibt da nur zu sagen: "Wenn wir jetzt anfangen, uns noch dafür entschuldigen zu müssen, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht unser Europa." Aber: die von der Bundesregierung geplanten Asylrechtsverschärfungen zeigen leider auch kein freundliches Gesicht

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